Prolog

Großreich Symantriet – Die Herrschaft des Tyrannen

Ein kalter Wind fegt über das raue Land und lässt dabei alles unter seiner Macht erzittern. Dunkle Wolken ziehen über den Horizont und gewähren der Sonne kein Durchkommen. Das ehemals von Licht und Freude erhellte Symantriet wird in einen grauen Schimmer getaucht. Kaum ein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Die Äcker liegen brach und Hunger hält Einzug bei den einfachen Menschen. Doch nicht alle Menschen leiden … Einige wenige verzehren das noch verbliebene Essen gierig.

Ein guter Herrscher hätte in jener Zeit für Gerechtigkeit gesorgt. Besser:Er hätte es gar nicht erst so weit kommen lassen. König Chaver war jedoch kein guter Herrscher. Durch List und Tücke hatte er sich einst den Thron erschlichen, mit Angst und Schrecken seine Herrschaft gefestigt und durch seine Taten dafür gesorgt, dass man ihn nie vergessen würde. Der Tyrann trug seinen Beinamen zu Recht …

Er hatte so viele Dinge versprochen, doch nach seiner rechtmäßigen Thronbesteigung wollte er von diesen nichts mehr wissen. Im Gegenteil:Die Gier stieg ihm zu Kopf … Chaver ließ die Truppen sammeln. Er schickte seine Söldner in die Städte und Dörfer, um seinen Reichtum zu mehren. Jeder, der seine Stimme erhob, wurde beseitigt.

Dabei stieß er auf mehr Widerstand, als er erwartet hatte. Seine Taten hatten sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land herumgesprochen und die einfachen Menschen Symantriets erhoben sich, um dem machthungrigen Herrscher Einhalt zu gebieten. Die ungeübten Bauern und Handwerker waren jedoch den ausgebildeten Söldnern weit unterlegen. Sie verloren den Kampf und starben zu Tausenden … Chavers Männer und besonders sein Scherge, halb Mensch, halb Dämon, richteten überall, wo sie auftauchten, ein blutiges Gemetzel an. Menschen wurden gefoltert, versklavt oder getötet. Erbarmen war für den Tyrannen ein Fremdwort. Chavers Feinde gehörten einer aussterbenden Rasse an. Während seiner Herrschaft wurden viele jahrhundertealte Dörfer und Städte zerstört. Menschen verloren ihre Heimat, ihre Familie,ihr Leben. Chavers einstige Versprechungen klangen gut und niemand hatte auch nur ahnen können, was die Zukunft bringen würde.

In dieser grausamen Zeit lebten fünf junge Männer königlichen Geblütes, die sich zusammenschlossen, um dem Tyrannen gemeinsam das Handwerk zu legen. Durch eine monatelange, gefährliche Korrespondenz untereinander und geheime Treffen schufen sie eine Allianz gegen den amtierenden König. Im Untergrund, geschützt vor neugierigen Augen und Ohren,schmiedeten sie Pläne, um Chaver eine Falle zu stellen. Doch ihre Tat musste gut vorbereitet werden. Jeder Fehler würde für sie tödliche Konsequenzen nach sich ziehen. Ein Jahr zog an ihnen vorüber, bevor sie ihre Vorbereitungen beendet hatten. Ein Jahr, in dem noch viele Menschen ihre Heimat und ihr Leben lassen mussten. Doch endlich schien ein Ende der Tyrannei in Sicht …

Von langer Hand geplant, gelang es den fünf Prinzen, Chaver in ihre Falle zu locken. Gefesselt brachten sie ihn nach Wolfin. Zentral im Land gelegen und ausgestattet mit einer gut befestigten Schlossanlage,schien die Stadt für ihre Zwecke am idealsten. Der keifende und fluchende Chaver wurde in einem der Kerker, tief unter der Stadt, sicher weggeschlossen. Doch den fünf Prinzen war bewusst, dass es bei einer Gefangenschaft nicht bleiben durfte. Zu groß war die Angst, dass dem Tyrannen die Flucht gelingen und der Schrecken erneut über sie hereinbrechen könnte. Noch waren im ganzen Land die Söldner und Schergen Chavers verstreut und man konnte davon ausgehen, dass sie alles versuchen würden, ihren Meister zu befreien. Die Prinzen sahen nur eine Chance: Sie mussten sich des ehemaligen Königs endgültig entledigen. Seinem Stand gebührend machten sie ihm einen öffentlichen Prozess und schon kurz nach der Urteilsverkündung fiel sein Kopf auf dem Marktplatz von Wolfin. Der Tag der Abrechnung war gekommen und die Erleichterung im Volk, aber auch bei den fünf Männern, groß. König Chaver war tot. Ihr größter Feind war nach Jahren der Unterdrückung und Angst endlich aus dem Weg geräumt. Die Söldner verstreuten sich führerlos im ganzen Land. Nach und nach wurden sie gefasst und folgten dem Schicksal Chavers. Nur der Scherge, das dämonische Wesen namens Dragon, verschwand spurlos. Er hatte eine Spur des Todes durch Symantriet gezogen, als er sich nach Wolfin aufgemacht hatte,seinen Gönner zu retten. Die Spur endete einige Meilen vor Wolfin und Dragon ward nie wieder gesehen. Der Legende nach soll er sich in Stein verwandelt haben, als Chavers Kopf vom Körper getrennt wurde. Bestimmt dafür, zu warten, bis das Böse erneut erwachen würde …

Mit der Zeit verschwand das Interesse an dem Wesen. Die Menschen vergaßen. Mit ihrer Tat hatten die fünf Prinzen ein neues Kapitel begonnen und das alte abgeschlossen. Ihnen war bewusst, dass die Regentschaft Symantriets nie wieder in der Hand eines Einzelnen liegen durfte. Sie leisteten einen Schwur und teilten das Land in fünf Königreiche auf. Jedes dieser Königreiche hatte seine eigenen Besonderheiten. Ganz im Norden, im Fallengebirge, lag nun Fallenday. Das Land hatte durch seine riesigen Erzvorkommen und eine Küste, die mit reichen Fischgründen gesegnet war, eine besondere Anziehungskraft für Prinz Edwin. Der neue Herrscher Fallendays war Reichtum noch nie abgeneigt gewesen. Die anderen vier Prinzen waren bescheidener. Prinz Elias erhielt im Süden sein Reich und nannte es Endline, nach seiner geliebten Frau. Es gab zwar nur wenig Erz, aber dafür war das Land fruchtbar und die in der Nähe gelegene Küste versprach gute Fischgründe sowie die Möglichkeit, sich die ehemalige Handelsstadt Trebin wieder aufzubauen. Die Königreiche im Westen und Osten, Maux und Malvine, gingen an die Brüder Tewin und Lewin. Beide waren begnadete Jäger, hatten hier reiche Wälder zur Verfügung und eine gut angebundene Küste, die ihnen einen regen Handel ermöglichen würde.Nur das letzte Königreich, mittig in Symantriet gelegen und auf den Namen Tesslon getauft, hatte diese Anbindung nicht. Dafür vereinte sich hier nur das Beste aus der Landschaft: Gebirge, weitläufige Felder, aber große, ausgedehnte Waldflächen prägten das Bild. Sephin, der fünfte Prinz im Bunde, dachte bei seiner Wahl weiter: Er wusste um die Vorteile, die ein weit gefächertes Land ihm bringen würde, und gab sich mit dem Rest sehr zufrieden. Jahre zogen ins Land und heute, fünfzehn Jahre später, regieren die fünf Könige immer noch gemeinsam.Ihre Untertanen leben in Frieden, während Wirtschaft und Handel gedeihen. Das Leben scheint ruhig und die Menschen zufrieden. Jedoch ist diese Ruhe trügerisch. In letzter Zeit herrschten Spannungen zwischen den Ländern, die einst brüderlich nebeneinander lagen. Die jüngere Generation drängt nach. Eine Generation, die das Unheil der Alleinherrschaft nicht miterlebt hat. Die unwissend ist –und Unwissende machen Fehler.

Besonders, wenn die Macht zum Greifen nah ist …