Kapitel 1

Endline – Fünfzehn Jahre nach Chavers Fall

Ein wunderschöner lauer Sommerabend lag über dem Königreich. Die Vögel, die sich tagsüber vor der großen Hitze versteckt gehalten hatten, kehrten zurück und zwitscherten aus vollen Kehlen ihre Lieder.

Vom Meer her wehte eine angenehme Brise den Berg hinauf und streifte die Baumwipfel des Schlossgartens. Der kühle Lufthauch fuhr durch die Haare eines soeben in den Garten getretenen Mannes und wirbelte sie leicht durcheinander. Aufgeregtes Kreischen der Möwen drang an sein Ohr, ließ ihn lauschend innehalten und sich im Garten umschauen. Kurz darauf schlüpfte hinter ihm ein Mädchen von höchstens fünf Jahren durch die Pforte und schob sich energisch an ihm vorbei.

Der Mann sah dem Mädchen erstaunt hinterher, schüttelte seinen Kopf und setzte sich langsam in Richtung der Klippe in Bewegung. Er hatte den erschöpften Gang eines alten Mannes, auch wenn er vom Aussehen her nicht mehr als dreißig Jahre zählen konnte. Unermüdlich schleppte er sich durch den Garten, und sein Blick glitt zu einer kleinen Bank. Sie stand am Rande der Klippe, etwas versteckt, unter groß gewachsenen Bäumen und lud mit ihrem Ausblick dazu ein, in der Ferne zu versinken.

Mit einem Ächzen seiner Knochen ließ der Mann sich wenig später auf dem kühlen Stein nieder und atmete dabei geräuschvoll aus, als würde eine gewaltige Last von ihm abfallen.

Sein Blick nahm den Weg am Rand der Klippe entlang nach unten und fixierte das wellenschlagende Meer. Die Sonne hoch über seinem Kopf sank allmählich. Das Licht wurde schwächer und ließ fantastische Schattenwelten entstehen. Aber der Mann achtete nicht darauf. Auch das Mädchen, das sich auf ihn zubewegte, nahm er nicht wahr. Er befand sich in einer anderen Welt, weitab vom Hier und Jetzt.

Elias & Belle

Der Mann auf der Bank hörte auf den Namen Elias. Fremde und Unwissende hätten ihn für einen einfachen Mann halten können, doch sein Anblick täuschte. Dem Mann gehörte all jenes, was er von seinem Garten aus erblicken konnte, und noch viel mehr. Er war der König von Endline.

Einst hatte er an der Seite seiner königlichen Gefährten gekämpft, um Symantriet zu befreien. Heute erinnerte, von oben betrachtet, kaum noch etwas an die grausamen Zustände dieser Zeit. Städte und Dörfer waren neu aufgebaut worden, und die Menschen vergaßen alle Gräuel allmählich …

Doch etwas ließ Elias nicht vergessen. Damals holte er sich diese Verletzung. Eine Verletzung, die ihn heute mehr behinderte, als sie ihm damals Schmerzen bereitet hatte. Mit einem verkrüppelten Bein hätte er leben können. Weitaus schlimmer waren seine Erinnerungen, die mit dem stechenden Gefühl immer wieder in sein Unterbewusstsein drangen.

Erinnerungen an die Angst, die Grausamkeiten, die Toten … Elias seufzte.

»Vater, erzählt mir nun endlich die Geschichte!«, rief plötzlich eine Stimme neben ihm und riss Elias abrupt aus seinen Gedanken. Seine Tochter Isabelle, die spätere Erbin seines Thrones, hatte aufgehört, im Garten herumzutollen, und war neben seine Bank getreten. Als er nicht sofort antwortete, begann das Mädchen, auf ihn einzureden und wie wild an seinem Arm zu ziehen. Statt ihr böse zu sein, musste Elias lächeln. Sie war ein lebhaftes junges Ding. Sehr aufgeweckt, neugierig und allem voran klug. Ganz wie ihre Mutter einst. Seine verstorbene Frau Endline.

Elias strich Isabelle zärtlich über den Kopf und atmete mit Bedacht so schwer, als würde das Erzählen für ihn eine gewaltige Bürde darstellen. »Nun gut, mein Wildfang …«, begann er und klopfte dann auf den Platz neben sich.Das Mädchen betrachtete ihn einen Moment lang skeptisch, setzte sich dann aber und schaute ihn mit ernsten Augen an. Elias musste schmunzeln und begann dann, nicht ohne seinen Blick erneut in die Ferne schweifen zu lassen, zu erzählen. Seine Tochter folgte seinem Blick …

»Vor Tausenden von Jahren, noch weit vor der Zeit der Menschen, wandelten auf Erden zwei Wesen. Weder Mensch noch Tier, streiften sie gestaltlos durch die Welt. Körperlos waren sie zum Zuschauen verdammt. Sahen alles und dennoch nichts. Denn nichts von der Welt, wie sie uns heute bekannt ist, existierte damals. Es gab keine Kontinente, kein Meer und auch keine Lebewesen. Nur das Nichts, bestehend aus gleißend hellem Licht, war allgegenwärtig.

Die beiden Wesen, unsere Götter Edid und Selfin, sollten das trübe Nichts mit Liebe und Zuversicht füllen. Mit ihrer Magie sollten sie etwas Neues erschaffen, und das taten sie. Mit den Worten der uralten Sprache erschufen die Götter unseren Urkontinent Karnestra. Sie gestalteten Berge, Seen und Täler. Das Nichts wurde immer kleiner, bis es schlussendlich verschwand … Aber Edid und Selfin waren noch lange nicht fertig … Gemeinsam ließen sie Menschen und Tiere entstehen, gestalteten Dörfer und ganze Städte.«

Elias machte eine kurze Pause, um Luft zu holen. Seine Tochter hing gebannt an seinen Lippen. »Die Menschen, die sie formten, litten keine Probleme. Sie waren bescheiden und doch reich an allem. Zu Beginn lenkten Edid und Selfin die Geschicke ihrer Kinder und wiesen ihnen die Richtung. Doch das Leben fand schnell seinen eigenen Weg. Die Menschen entwickelten sich weiter und ehe sie sich versahen, verloren die Götter immer mehr die Macht über sie. Zum Beobachten verdammt, zogen Edid und Selfin sich zurück und fanden ihre neue Heimat schließlich in den Bergen.

Von weit oben blickten sie von diesem Tag an auf die Menschen hinab und wachten im Stillen über diese. Der Legende nach soll Edid eines Tages einen jungen Mann beobachtet haben. Allein auf der Jagd, stürzte dieser in eine tiefe Felsspalte und hätte somit eigentlich sein Todesurteil besiegelt. Doch Edid fühlte sich von diesem Menschen merkwürdig angezogen. Aller Mahnung zum Trotz beschloss sie, einzugreifen. Mit Worten der alten Sprache half sie ihm, unhörbar für Menschenaugen, aus seiner misslichen Lage und schenkte ihm das Leben. Der Jüngling konnte sich nicht erklären, was geschehen war. Weit und breit war niemand auszumachen. Verwirrt und dennoch dankbar beschloss er, schnellstmöglich den Heimweg anzutreten. Edid sah ihm hinterher und fühlte sich das erste Mal in ihrem langen Leben besonders. Dieser Mensch hatte etwas Einzigartiges an sich, und ein nie gekanntes Gefühl drohte sie zu übermannen. Aus Angst vor diesem neuen Gefühl verschwand sie auf den höchsten Berg Karnestras und ließ den Fremden weit unter sich zurück. Sie hoffte, das Gefühl würde nachlassen und sie ihn vergessen, doch so kam es nicht.«

Elias holte tief Luft, ehe er fortfuhr: »Ab diesem Tag wanderte Edids Blick immer wieder zu dem Mann. Dieses zwanghafte Verhalten blieb Selfin nicht verborgen, und im Gegensatz zu Edid verstand er sofort. Er nahm wahr, wie die Liebe seines Lebens sich nach einem anderen sehnte, und plötzlich empfand auch er vollkommen neue Gefühle. Neid und Hass. Er war so neidvoll auf diesen Jüngling, dass er Rache schwor. Rache gegen den Mann, der ihm die Zuneigung nahm. So geschah es, dass eines Nachts, als Edid sich kurz von dem Jüngling abwandte, Selfin eine folgenschwere Entscheidung traf. Mit einem einzigen uralten Wort, das so mächtig war, dass niemand es mehr rückgängig machen konnte, löschte er das Leben des Jünglings aus. Edid bemerkte seine Tat erst zu spät. Außer sich vor Trauer und Enttäuschung, zog sie sich von Selfin zurück. Ihre Seele war jedoch zu rein, um Wut oder Rachegelüste zu empfinden. Im schwachen Charakter Selfins brodelte der Hass dafür umso mehr. Da er diesen nicht mehr auf den Jüngling übertragen konnte, richtete er ihn gegen Edid und alles Gute auf der Welt. Er nutzte seine Geschicke und begann erneut damit, die Menschen zu lenken. Er sammelte jene, die charakterschwach waren und sich daher problemlos leiten und formen ließen, um sich. Dies war die Geburtsstunde der schwarzen Armee. Unter Seflins Befehl begann diese, das Land zu zerstören und die unbeeinflussten Menschen anzugreifen.«

»Hat Edid nichts davon bemerkt?«, unterbrach Belle die Erzählungen ihres Vaters. »Anfänglich nicht. Nach dem Tod ihres Geliebten war sie in unendliche Trauer verfallen und hatte sich mit dessen sterblicher Hülle an den Fluss Sumil zurückgezogen. Sie wollte ihren Liebsten bestatten, hatte jedoch nicht vor, ihn mit Gold und Diamanten zu begraben. Edid wollte ein ewiges Andenken schaffen, das kein Mensch aus Gier zerstören konnte … Sie wählte die Worte der alten Sprache mit Bedacht. Der Boden verschlang den Körper, und kurz darauf begannen Bäume und Sträucher um sie herum zu erwachsen. Innerhalb weniger Minuten war der Wuchs mannshoch und verdeckte den Begräbnisort. Ein undurchdringliches Dickicht versperrte Fremden den Zutritt, und Edid belegte den neu entstandenen Wald mit einem Bann, damit dies auch so blieb. Dieser Wald hat alle Zeiten überdauert. Du weißt, von welchem ich spreche?« Elias sah seine Tochter forschend an.

»Die Sumachen«, presste das Mädchen zwischen den Zähnen hervor. Elias nickte und fuhr mit seiner Erzählung fort. »Edid schien es, als sei die Zeit stehen geblieben, aber dies war nicht der Fall. Sie verließ die Sumachen und kehrte in die Realität zurück – und was sie sah, schockierte sie zutiefst. Ihre einst so friedliche Welt war vollkommen verändert, der Gestank nach Tod und Fäulnis unerträglich. Die guten Menschen hatten große Verluste zu beklagen und schienen allein unfähig, sich zur Wehr zu setzen, das musste Edid sich eingestehen. Sie beschloss daher, auch wenn es ihr zuwider war, in die Geschehnisse einzugreifen. Mit der Macht des Lichtes schuf sie die weiße Armee, die deutlich größer und stärker als Selfins Werk war. Der Legende nach trafen die beiden Parteien im Westen aufeinander. Als Selfin sah, dass er die Schlacht unweigerlich verlieren würde, wurde er unsicher. Den Krieg zu verlieren, war eine Sache. Karnestra jedoch, als Symbol ihrer Liebe, durfte in seinen Augen nicht weiterexistieren. Durch uralte Worte in Menschengestalt verwandelt, schlich Selfin unbemerkt in die erste Reihe seiner Armee. Bevor sie einander angriffen, zog er sein Schwert und stieß es mit aller Macht in den Boden. Das kunstvoll geschmiedete Metall zitterte in seinen Händen, und der Boden unter seinen Füßen tat es ihm gleich. Ein tiefer Riss zog sich alsbald zwischen den beiden Armeen entlang über den gesamten Kontinent. Mit jeder Sekunde wurde der Riss länger und tiefer und trennte nicht nur die Menschen voneinander, sondern auch das Land. Hätte die Vernunft gesiegt, hätte Selfin das Schwert in diesem Augenblick losgelassen. Karnestra war zerbrochen, genau wie ihre Liebe. Aber nicht Vernunft war es, die ihn leitete … Selfin spürte, wie seine gesamte Lebenskraft in die Vertiefung floss, und dennoch … Erst als der Krater zwischen den beiden Teilen Karnestras so tief war, dass nichts und niemand ihn mehr überwinden konnte, ließ er das Schwert los, und die Bewegung stoppte. Der einstige Gott starrte auf seine Hände und spürte, wie seine letzte Kraft schwand. Traurigkeit überkam ihn, als er sich auflöste. Sein Leben, das noch Jahrhunderte hätte überdauern sollen, war verbraucht.«

Als Elias geendet hatte, schaute seine Tochter ihn enttäuscht an. »Das ist eine traurige Geschichte, Vater.«

»Du hast recht, Kind. Die Geschichte hat für Selfin nicht gut geendet, aber du musst lernen, die Geschichte von verschiedenen Seiten zu betrachten«, antwortete er ihr aufmunternd. Elias sah, wie seine Tochter ihm einen unzufriedenen Blick zuwarf.

»Weißt du, Isabelle, dank Selfins Handlung sind Samoro und Symantriet entstanden. Ohne ihn würden wir alle in Karnestra leben, oder es hätte uns und das alles hier niemals gegeben …« Elias machte eine ausholende Handbewegung. Seine Tochter sah ihn jedoch nicht an. Sie starrte in die Ferne, und ihr Blick wirkte glasig. »Und was ist aus Edid geworden?«, fragte sie nur.

Elias seufzte. »Edid spürte natürlich den Verlust ihres Partners. Sie hätte nach Samoro gehen und ihm die letzte Ehre erweisen können, zog es aber vor, das Land auf ewig zu meiden.

Der Überlieferung nach weinte sie wegen ihrer Verluste, jahrelang ohne Unterlass. Ihre Tränen schufen dabei die Selmana, das Meer, das den tiefen Graben zwischen den beiden Ländern bedeckte. Als Edid Jahre später starb, war die Welt, wie wir sie heute kennen, geboren.«

Elias schaute seine Tochter an, die ihren Gedanken nachhing. Sanft stupste er sie mit dem Ellenbogen in die Seite, und das Mädchen zuckte leicht. »Kannst du mir sagen, aus welchen Königreichen Symantriet besteht, Isabelle?«, fragte er und sah gespannt seine Fünfjährige an, deren Augen sich immer noch in der Ferne verloren. Er erwartete fast, dass sie ihn darum bitten würde, die Frage zu wiederholen, aber entgegen seiner Erwartung antwortete sie ihm sofort. »Tesslon, Fallenday, Maux, Malvine und Endline«, brachte sie hervor, ohne ihre Augen von der Ferne abzuwenden. Elias folgte ihrem Blick, konnte jedoch nichts Interessantes ausmachen …

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