Fanfiction von Anica K.

Chace
Seit einer gefühlten Ewigkeit streiften sie schon durch die Sumachen und Chace schwirrte immer noch ein Haufen unbeantworteter Fragen im Kopf umher. Allerdings waren ihm die fehlenden Antworten im Moment egal. Für ihn zählte nur, dass er den warmen Atem von Belle in seinem Rücken spürte. Er unterdrückte ein Lächeln. Wenigstens wusste Chace sie nun in Sicherheit und das war gerade alles, was zählte.
Natürlich würde er, sobald sie irgendwann eine Pause machten, Ed und Twin erneut befragen. Doch Chace konnte sich bereits denken, dass sie weiterhin über alles schweigen und nur darauf bestehen würden, endlich wieder nach Tesslon zurückzukehren. Chace seufzte für die beiden unhörbar auf.
Hoffentlich würde er in seinem Heimatkönigreich wenigsten ein paar Antworten bekommen.
Heimat… wenigstens hatte Chace noch eine. Er wollte sich gar nicht ausmalen, wie es Belle ging. Zwar konnte er es erahnen, doch niemand könnte ihren Schmerz hinsichtlich all ihrer Verluste wirklich nachempfinden, ohne ihn selbst durchlebt zu haben.
Im Grunde genommen waren seine fehlenden Antworten absolut nicht damit zu vergleichen. Chace fühlte sich vielleicht bevormundet oder eventuell sogar ein wenig von seinen beiden treuen Freunden verraten. Aber im Moment zählte Belles Sicherheit so viel mehr als irgendwelche Antworten, die er spätestens in Tesslon erhalten würde. Ein Gähnen entfuhr Chaces Kehle.
»Hat Euch die Müdigkeit der Prinzessin etwa bereits angesteckt?«, schmunzelte Twin, machte allerdings keine Anstalten, das Gähnen als Hinweis zu deuten.
»Wir reiten nun einmal schon seit Stunden ohne Pause«, erwiderte Chace und blinzelte mehrmals, um seine Augen offen zu halten, »Du kannst mir nicht erzählen, dass dich das vollkommen kalt lässt.«
»Ausruhen können wir uns bei Sonnenaufgang«, sagte Ed und schaute weiterhin nur geradeaus, »Wir sind noch nicht weit genug vom Schloss weg.«
Chace seufzte: »Du übertreibst, Ed. Ich kann verstehen, dass wir ihnen auf keinen Fall in die Hände fallen dürfen. Aber wenn wir nicht früher oder später doch eine Pause in Erwägung ziehen, dann ist Belle die Einzige, die ausgeruht genug ist, um sich dem Feind entgegenzustellen und das kannst du unmöglich wollen.«
»Wenn wir nur weiterhin davonreiten, dann haben wir einen so großen Vorsprung, dass uns das nicht zu kümmern hat«, entgegnete Ed.
Chace schaute zu Twin, der ebenfalls mit der Müdigkeit zu kämpfen hatte.
»Ed, du bist der Einzige, der noch wirklich wach zu sein scheint«, sagte Chace und zeigte auf Twin, der gerade ruckartig versuchte, wieder wach zu werden.
»Twin!«, zischte Ed und funkelte diesen böse an, »Schlafen kannst du später!«
»Ich weiß«, erwiderte er und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken, »aber ich bin nun einmal so müde.«
Ed seufzte lautstark auf: »Wir müssen Chace sicher nach Tesslon zurückbringen!«
»Und auf Belle aufpassen«, ergänzte Chace, worauf Ed allerdings nicht reagierte.
Erneut ergriff Müdigkeit Chaces Augen und er blinzelte wieder mehrmals, um sie zu verscheuchen.
Das hatte so doch alles keinen Sinn! Sie konnten nicht ohne Rast einfach so bis zum Sonnenaufgang durchreiten. Nicht nach solch einem ereignisreichen Tag. In der Ferne sah Chace plötzlich eine kleine Holzhütte. Das konnte kein Zufall sein!
»Ed, schau dort!«, verwies er seinen Freund auf das erblickte Haus.
»Das kann nicht Euer Ernst sein!«, sagte dieser, »Wir können nicht einfach in einer Hütte rasten. Man würde uns sofort finden!«
»Dann erkläre das mal Twin, der mittlerweile komplett weggetreten ist«, erwiderte Chace und zeigte auf Twin, der schnarchend von seinem Pferd getragen wurde.
Ed seufzte und schüttelte den Kopf: »Na schön. Aber nur ein paar Minuten. Kein Feuer, kein Licht. Und es müssen mindestens zwei Wache halten.«
Chace gähnte: »Von mir aus.«
Sie ritten auf die Hütte zu und versuchten dort, ihre Pferde möglichst unsichtbar für mögliche Neuankömmlinge festzubinden. Ed weckte Twin und betrat dann mit diesem zuerst das hölzerne Haus. Chace streckte sich ausgiebig und sah zu Belle auf seinem Pferd. Sie schlief immer noch tief und fest. Normalerweise wäre es angebracht, sie einfach weiterschlafen zu lassen, aber in solch einer Situation wie ihrer wäre das purer Selbstmord. Chace rüttelte Belle sanft, bis ihre Augenlieder zu
flattern begannen und sie wach wurde.
»Aufwachen«, sagte er und zeigte auf die Hütte in seinem Rücken, »wir rasten hier für ein paar Minuten und da dachte ich mir, dass du vielleicht mit reinkommen möchtest.«

Belle
Belle blinzelte mehrmals, bis sie erkennen konnte, worauf Chace zeigte. Es war eine kleine und vollkommen dunkle Holzhütte.
»Ich dachte, wir wollten bis Sonnenaufgang mit einer Rast warten«, sagte sie und ließ sich von Chace vom Pferd helfen.
Chace erwiderte mit einem Gähnen: »Nun ja, das war der ursprüngliche Plan. Allerdings ist Twin schon auf dem Pferd eingeschlafen und auch ich konnte mich kaum wachhalten… Es hat zwar etwas gedauert, aber letztendlich konnte ich Ed doch zu einer kurzen Rast überreden.«
»Nun kommt endlich«, zischte dieser aus der Hütte und Chace und Belle folgten ihm ins Innere.
In der Dunkelheit konnte man nur spärlich ein Bett und einen Tisch mit Stühlen ausmachen. Chace hörte ein Schnarchen und erblickte Twin auf dem Bett.
»Ich wollte ihn davon abhalten, aber er hat sich das Bett einfach unter den Nagel gerissen«, seufzte Ed und begann plötzlich ebenfalls zu gähnen.
»Vielleicht solltest du auch ein paar Minuten die Augen schließen«, sagte Chace und Ed schüttelte immer noch gähnend den Kopf, »Ich weiß, wir machen diese Pause nur wegen mir, aber ich kann doch mit Belle die erste Wache übernehmen.«
»Seid doch nicht verrückt«, erwiderte Ed und versuchte nun angestrengt die Augen offen zu halten. »Ich brauche keine Pause.«
Belle konnte sich ein kurzes Kichern nicht verkneifen: »Das sieht man.«
Ed funkelte sie leicht böse an und Chace ergriff das Wort: »Ruh dich aus, Ed. Ich verspreche, dass ich dich wecke, sobald ich nicht mehr wachbleiben kann.«
Sein Freund wollte erst protestieren, ließ sich dann aber doch auf das Angebot des Prinzen ein. Als Ed ebenfalls eingeschlafen war, setzten sich Belle und Chace an den Tisch. Eine gefühlte Ewigkeit herrschte Schweigen zwischen den beiden. Schienbar wusste keiner, was er sagen sollte…
»Deine Freunde sind wirklich toll«, begann Belle schließlich ein Gespräch, schaute auf die Tischplatte und musste ein Schluchzen unterdrücken.
Ihre Gedanken wanderten zu Sophia, zu ihrem Vater, zu Endline…
»Sie sind wirklich treue Seelen«, erwiderte Chace und Belle sah zu ihm auf, »Es wäre nur schön, wenn sie mir endlich sagen könnten, warum wir so dringend nach Tesslon zurück müssen.«
»Ich schätze, du meinst abgesehen von dem offensichtlich Beweggrund?«, fragte Belle und Chace zog
fragend eine Augenbraue in die Höhe, »Der Untergang meines Königreichs? Gre…«
Sie konnte und wollte diesen Namen nicht aussprechen. Kein einziger ihrer Gedanken sollte diesem Scheusal gehören.
»Abgesehen davon, ja«, antwortete Chace, »…Hör mal, Belle. Wir müssen nicht darüber reden, wenn du nicht möchtest. Aber was hast du vor, sobald wir in Tesslon angekommen sind?«
»Ganz ehrlich?«, sagte sie und Chace nickte, »Ich weiß es nicht. Natürlich würde ich mir etwas überlegen, um mir mein Königreich zurückzuholen. Aber ich kann es unmöglich allein mit einer ganzen Armee aufnehmen.«
Auch wenn ich eine Erbin von Edid bin. Belle konnte mit Chace darüber nicht sprechen, dafür kannte sie ihn zu wenig. Zwar war er ihr Retter
in der Not und sie fand Gefallen an ihm, doch das reichte als Vertrauensbasis für solch ein Gespräch definitiv nicht aus. Zumal sie es auch erst seit kurzem wusste.
»Vielleicht kann ich meinen Vater dazu überreden, dass wir dich in deinem Vorhaben unterstützen«, erwiderte Chace und wollte Belles Hand nehmen, als sie diese vom Tisch nahm.
»Vielleicht, ja«, murmelte Belle.
Warum sollte er ihr helfen? Er kannte sie doch kaum. Zwar gab es etwas, was sie verband. Aber es konnte unmöglich so stark sein, dass Chace seinen Vater dazu brachte, seine Streitkräfte für das Wohl einer einzigen Prinzessin einzusetzen. Natürlich hatten sie nun alle den selben Feind, aber…
Wusste Belle überhaupt, wie der König von Tesslon zu all dem Stand? Nein. Sie kannte nur die Einstellung des Prinzen, aber nicht die seines Vaters. Belle konnte sich zwar beim besten Willen nicht vorstellen, warum er auf Gregors Seite sein sollte, aber sie konnte mit Gewissheit auch nicht dagegen sprechen. Sie musste den König erst einmal kennen lernen und dafür mussten sie schnellstmöglich nach Tesslon.
»Vielleicht sollten wir unsere Rast beenden«, sagte Belle und vernahm ein Gähnen von Chace, »oder zumindest nicht mehr lange hier verweilen.«
»Belle«, erwiderte Chace, »ich weiß, dass du gerne sofort alles aus der Welt schaffen würdest, aber…«
»Vergiss, was ich gesagt hab«, unterbrach sie ihn, »Wir würden wahrscheinlich keinen Meter weit kommen, wenn wir jetzt schon aufbrechen. Vielleicht solltest du Ed wecken und dich ein wenig ausruhen.«
Chace setzte zu einer Antwort an, ließ es aber bleiben und ging auf Belles Vorschlag ein. Belle wusste auch nicht, warum sie ihn so harsch unterbrochen hatte. Er machte sich schließlich nur Sorgen um sie und wollte für sie da sein. Allerdings gab es etwas in Belle, was ihr keine Ruhe ließ. Sie wollte Vergeltung für all das, was man ihr angetan hatte. Für den Tod von Sophia, von ihrem Vater und für den Untergang von Endline.
Belle seufzte innerlich. Die Welt war binnen eines Tages zu einem grausamen Ort geworden, der von einem Monster bedroht wurde, welches seine gierigen Klauen nach ihr ausstreckte und ihr auch den letzten Funken Glückseligkeit aus dem Leib quetschen wollte. Gregor würde wahrscheinlich nicht eher ruhen, bis er sie in seiner Gewalt hatte. Aber das würde Belle nicht zulassen.
Wenn in dieser grausamen Welt nur Monster gewinnen würden, müsste sie vielleicht früher oder später auch eines werden…

 

Autor:  Anica K.