Prolog – Magiesprung Chronik 1

»Der Weg ist steinig und gefährlich, doch irgendwann wird es leichter, ihm zu folgen. Durch die tiefste Finsternis hindurch, hinein in ein neues Licht.«
Magiesprung Chronik (Januar 1890)

 

September 2018

Nichts durchbricht das Schweigen, das sich auf der Erde ausgebreitet hat. Es herrscht eine ewig währende Schwärze, die den Kampf mit der Sonne bereits vor vielen Jahren gewann.
Kein Sonnenstrahl wird jemals wieder den Boden berühren, der Welt Wärme schenken oder Geborgenheit geben. Vorbei sind die Tage des Lichtes, verschwunden das Lachen der Kinder. Furcht vor dem Kommenden wechselt mit Bedauern darüber, was einst als selbstverständlich galt und heute nicht mehr existiert.
Das anfängliche Chaos hat sich gelegt. Zurück blieb eine Welt, wie es sie vor tausenden Jahren gab. Infrastruktur, Handel, Nächstenliebe … Alles, was Menschen sich aufgebaut hatten und was sie einst vom Tier unterschied, ist hinfällig geworden.
Lediglich der Überlebensinstinkt ist uns erhalten geblieben, dennoch sterben wir wie die Fliegen.
Keiner von uns ist sicher oder wird es je wieder sein, denn außer sich selbst sollte man in dieser neuen Welt niemandem vertrauen.
Das Leben auf der Erde stirbt jeden Tag ein bisschen mehr. Wir werden vergehen, bis einzig die Schatten übrig sind.

 

Erin

Langsam laufe ich durch die ausgestorbenen Straßen Manolins. Der blasse Schein des Mondes, die einzig verbliebene und geduldete Lichtquelle, erhellt die Ruinen der ehemaligen Gebäude. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie. Groß und prächtig, so habe ich die Fassaden der Lake Street immer am meisten geliebt.
Heute ist davon, außer einem riesigen Schutthaufen, nichts übrig, genauso wie von den Menschen, die einst in Massen diese Straße entlangströmten.
Eine Bewegung lässt mich innehalten und nach rechts drehen. Bedrohliche Schwärze starrt mir aus der Gasse entgegen.
Eine Einbildung oder Überreaktion, vermute ich, gleichwohl bleibe ich wachsam und lausche. Die Schatten lauern in jedem Winkel, regungslos und tödlich.
Ein kaum hörbares Rascheln dringt an mein Ohr.
»Geh!«, befiehlt mir meine Intuition, und ich vergeude keine Sekunde. Ohne mich umzusehen, sprinte ich los. Ein verräterisches Zischen aus der Gasse bestätigt meinen Überlebensinstinkt. Doch erst, als es in ein mörderisches Lachen übergeht, lässt es jeden Milliliter Blut meines Körpers zu Eis erstarren.
»Oh, wie niedlich. Da läuft sie davon wie ein Hase vor dem Jäger«, raunt jemand hinter mir her. Weiter, Erin. 
»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du mir entkommen kannst?«, setzt die körperlose Stimme nach, und ein grollendes Gelächter erklingt. Die Nackenhaare stellen sich mir auf, doch nicht aus Angst, sondern aus Wut. Zu gerne würde ich stehen bleiben und dem Verursacher entgegentreten. Ich balle die Hände zu Fäusten. Ignoriere ihn und seine Worte. Lauf weiter, kommandiere ich mich selbst und zwinge mich regelrecht dazu, zu rennen, während der Zorn in mir lodert und meine Eingeweide sich verkrampfen. Das ist nicht die richtige Zeit oder der rechte Ort. Du bist nicht bereit, rufe ich mir in Erinnerung, und diese Erkenntnis treibt mich voran. In neuer Rekordzeit sprinte ich durch die verwaisten Straßen, nutze Abkürzungen und Seitenwege, um ihn loszuwerden, und denke fast, dass es mir wahrhaftig gelingt, als ich um eine Ecke biege und mich vor einer gesprengten Mauer wiederfinde. Der meterhohe Schutt lässt mich zwangsweise stoppen. »Mist, das war gestern nicht da!«, schimpfe ich leise und blicke mich nach einer anderen Möglichkeit um, aus der Gasse zu verschwinden. Mit pochendem Herzen stelle ich fest, dass es keine gibt. Ich drehe mich zum Eingang der Gasse und halte Ausschau nach meinem Verfolger. Der blasse Schimmer des Mondes wird immer wieder durch Wolken unterbrochen und beeinträchtigt meine Sicht, doch die kurzen helleren Momente genügen, um mir zu zeigen, dass ich allein bin. Sollte ich ihn tatsächlich losgeworden sein?
»Wo willst du hin, Erin?«
»Miss Edward?« Überrascht wirble ich herum. Meine ehemalige Englischlehrerin steht oben auf den Trümmern der Mauer und sieht auffordernd zu mir hinunter.
»Sie leben?« Ich bemerke selbst, dass es nach einer ungläubigen Feststellung statt nach einer Frage klingt, doch das scheint Miss Edward nicht im Mindesten zu stören.
Im Gegenteil, ein Lächeln breitet sich auf ihren Lippen aus. »Natürlich lebe ich, das tun wir doch alle.«
Nicht ihre Worte, sondern die Art und Weise, wie sie es sagt, lassen mich frösteln, und wie eingefroren starre ich sie an. »Wie bitte?«, flüstere ich und nehme kurz darauf Bewegungen aus den Augenwinkeln wahr. Gänsehaut überzieht meinen Körper, als ich mich in die entsprechende Richtung wende, und dann vergesse ich schlagartig, Luft zu holen. Im Schatten der Mauerruine verharren weitere Personen. Warum habe ich sie vorher nicht bemerkt?
Meine Augen verengen sich zu Schlitzen, als ich sie erkenne. Es sind Menschen aus meiner Vergangenheit. Jene, die ich seit ewigen Zeiten nicht gesehen habe. Dr. Thomson, Holly, Alex, Nelly … Ich erstarre. »Das ist nicht möglich. Ihr seid nicht real«, bringe ich zitternd hervor.
Sie sind nicht da, keiner von ihnen, beschwöre ich mich selbst und schüttle den Kopf in der Hoffnung, dass die Körper verschwinden mögen. »Geht weg«, flehe ich. »Geht weg. Ihr seid nicht hier. Ich war dabei. Jeden von euch habe ich sterben sehen!« Nutzlose Tränen rinnen mir die Wangen hinab. Alles in mir sträubt sich gegen das Weinen, und doch kann ich den Tränenfluss nicht unterbinden.
»Oh, haben wir dich etwa verängstigt?« Miss Edwards Tonfall klingt höhnisch und deutlich näher als zuvor. Sie klettert den Trümmerberg nach unten, doch nicht nur sie allein hat sich in Bewegung gesetzt. Langsam und unaufhaltsam kommen auch die anderen näher. Mondlicht erhellt ihre seelenlosen Gesichter. Ihre Münder zu einem kalten Lächeln verzogen, ihre Augen leer und starr, schließen sie einen Kreis um mich und verdichten mit jedem Schritt ihre Reihen.
»Erin, du bist an allem schuld. Die Welt geht zugrunde. Deinetwegen sind wir tot und der Rest der Menschen wird uns folgen!« Ihre im Chor gesprochenen Worte gleichen einem Singsang, und starr vor Angst lasse ich mich von ihnen einhüllen. »Sieh dir an, was du angerichtet hast! Fühl den Schmerz und das Leid, sie werden dir auf ewig erhalten bleiben. Deine einzigen Begleiter.«
Verzweifelt halte ich mir die Ohren zu. Ein sinnloses Unterfangen. Die Worte der Untoten hallen mir längst im Kopf wider und fressen sich tief in meine Seele.
Die Schuld liegt bei mir? Wie ist das möglich? Nervös schaue ich nach vorn und mein Blick verhakt sich mit dem meiner früheren Ziehmutter. Die ausdruckslose Maske der ehemals so herzlichen und glücklichen Holly versetzt mir einen Stich ins Herz. Sie hat mich immer wie ihre eigene Tochter behandelt, und was habe ich getan? Verzweiflung mischt sich mit Wut darüber, dass ich keine Ahnung habe, wie ich es hätte verhindern können, doch die Worte der Toten treffen mich. Sie treffen mich zu tief.
»Sieh weg! Behalte Holly in Erinnerung, wie du sie gekannt hast. Zerstöre dich nicht selbst!« Meine innere Stimme sorgt dafür, dass ich mich von der rundlichen Frau abwende, bevor ich vollends in Selbstzweifeln zerfließe.
Die Körper um mich herum kommen derweil beständig näher. Statt einen allein, fixiere ich alle gleichzeitig oder versuche es zumindest. Der Mond ist mir dabei hold, er hat die Auseinandersetzung mit den Wolken gewonnen und taucht die Gasse in sein schwaches Licht. Aufmerksam mustere ich die Untoten.
Ihre Kleidung ist zerfleddert, sie haben tiefe Wunden, Dr. Thomson fehlt sogar ein Arm. Das wichtigste Indiz jedoch ist der Modergeruch, der an ihnen haftet wie eine Klette. Allesamt sind sie mausetot, mitunter seit Wochen, und doch sprechen und laufen sie. Mein ganzer Körper schüttelt sich und angewidert weiche ich so weit wie möglich zurück. Ich fühle mich wie in einem Zombiefilm, und das, obwohl ich der Meinung war, dass mich nichts mehr schocken kann.
Die Zombiebrigade und mich trennen gut zwei Meter und ich bin noch mit der Frage beschäftigt, ob sie mich wohl fressen werden, da verharren sie und starren mich lediglich an.
»Was zum …«, keuche ich erschrocken, als die Körper kurzerhand marionettengleich in sich zusammenfallen und zerbröseln. Zurück bleibt feiner Staub, den eine aufkeimende Brise mir entgegenwirbelt. Unweigerlich muss ich niesen, als das Pulver um mich herumschwirrt. Als mir klar wird, was ich da eben eingeatmet und ausgeniest habe, muss ich würgen.
»Jetzt haben wir genug gespielt. Meinst du nicht auch?«, raunt jemand unmittelbar neben mir. Hastig mache ich einen Satz zur Seite. Ein Mann in dunklen Kleidern, groß und von muskulöser Statur, steht mir gegenüber und mustert mich. Allein seine grauen Augen würde ich unter Tausenden wiedererkennen. Er ist es. Ein teuflisches Grinsen liegt ihm auf den Lippen. »Hallo, Erin, lange nicht gesehen. Wo hast du dich rumgetrieben? Wir haben dich gesucht.«
»Ach, habt ihr das?«, bringe ich verächtlich hervor, während es in meinem Hirn zu rattern beginnt.
»Du brauchst gar nicht auf Zeit zu spielen. Keiner wird dir helfen. Du hast uns lange genug an der Nase herumgeführt. Der einzige Weg hier raus ist dein Tod.« Der Klang seiner Worte ist genauso kalt wie der Ausdruck in seinen Augen, doch so leicht lasse ich mich nicht einschüchtern.
»Euch? Ich kann bloß eine einzige Person ausmachen, und die bist du. Ihr Schoßhündchen.«
»Wirklich, Erin? Bist du tatsächlich der Meinung, dass es dir hilft, mich zu provozieren?« Er macht einen Schritt auf mich zu und ich weiche aus, bis ich mit dem Rücken auf die Mauer, oder zumindest die Reste davon, treffe.
»Nun denn.« Mit einem Furcht einflößenden Grinsen kommt er näher und reibt die Hände aneinander. Doch nicht die menschliche Hülle und ihre Handlung fordern meinen Respekt, sondern das, was sich tief darunter verbirgt. Die Umrisse seines Körpers verändern sich, werden unscharf und verschwimmen zu etwas Großem. Mit aller Macht zwinge ich mich dazu, ihn nicht anzuschauen. Egal, was da kommt. Um keinen Preis der Welt will ich die Furcht in mir weiter nähren und ihm die Genugtuung meiner Angst verschaffen.
So will ich nicht sterben. Krampfhaft durchforste ich mein Gedächtnis nach einem positiven Gedanken. Einen, ich brauche lediglich einen einzigen. Einen, der es wert ist, für ihn zu kämpfen und ihm am Ende ins ewige Nichts zu folgen, doch der Blick, den ich auf meiner Haut spüre, scheint mir alles Gute und Schöne aus den Erinnerungen zu reißen. »Hör auf damit, beende es einfach!«, flehe ich und fasse dabei all meinen Mut, um den Kopf zu heben. Eine Fratze, die rein gar nichts mit einem menschlichen Gesicht zu tun hat, starrt mir entgegen, und die Ausweglosigkeit meiner Situation wird mir mit einem Mal vollends bewusst. Es ist vorbei.

»Erin! Erin! Um Gottes willen, wach auf. Es war ein Traum! Bloß ein Traum! Beruhige dich!«
Langsam dringt die vertraute Stimme zu mir durch. Verwirrt öffne ich die Augen und höre damit auf, um mich zu schlagen und zu schreien. »Nelly?«, erkundige ich mich ungläubig und blinzle des hellen Lichtes wegen, während ich mich aufrappele.
»Na klar bin ich es. Wer soll es sonst sein?«, antwortet sie lässig und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Wir sitzen auf ihrem Bett und ich schaue mich unsicher um. »Was ist geschehen?«
»Das fragst du mich? Wir wollten Hausaufgaben machen. Hast du das vergessen? Ich war kurz unten, um meiner Mum zu helfen, und als ich wiederkam, hast du geschlafen. Kurz danach ging hier das große Kino los. Ich habe bestimmt zehn Minuten gebraucht, um dich wach zu bekommen. Hast du eine Ahnung, wie schwer es war, meine Mutter zu überzeugen, dass du dich für den Theaterkurs eingetragen hast und deine Rolle als Gretchen in Faust übst? Sie will übrigens zur Premiere kommen.«
»Du hast was?« Völlig entgeistert starre ich meine beste Freundin an, die eiskalt mit den Schultern zuckt. »Hättest du eine bessere Idee gehabt? Wäre dir vollkommene Geisteskrankheit lieber gewesen?«
Ich schniefe und lasse mich kraftlos auf ihr Bett zurückfallen.
»Das nehme ich als ein Nein.«

 

Finley

»Wir haben sie gefunden. Endlich.« Die Erleichterung in seinen Worten ist greifbar, die Anspannung meines Körpers löst sich jedoch keinen Millimeter.
»Eine Verwechslung ist vollkommen ausgeschlossen?«
»Ja, es hat lange gedauert, doch es gibt keine Zweifel. Sie ist es. Was sagst du dazu, nach so vielen Jahren? Alistair wird über diese Nachricht sehr erfreut sein.«
»Nicht bloß er. Wir alle werden endlich aufatmen können, wenn sie aus dem Weg geschafft ist. Wann soll ich los?« Ich erhebe mich während des Sprechens vom Stuhl und angle nach meiner Jacke.
»Warte, warte, mein Freund. Nicht so schnell mit den jungen Pferden.« Beschwichtigend hebt er die Hände und bedeutet mir, dass ich mich wieder setzen soll. »Nach allem, was du durchgemacht hast, ist dein Tatendrang verständlich.« Ein wissender Ausdruck spiegelt sich im Gesicht des Nachrichtenüberbringers wider. Eine Geste, die ich beflissen ignoriere. Der Höflichkeit halber folge ich trotzdem seiner wortlosen Aufforderung und setze mich wieder.
»Du weißt doch, wie sehr Alistair zuletzt unter der Angst litt, dass er alle Springer ausgemerzt hat.«
»Es wäre besser, wenn er sie alle ausgemerzt hätte.«
»Ich verstehe dich wirklich und versichere dir, dass du dir keine Sorgen zu machen brauchst. Auch die Letzte von ihnen wird sterben, doch nach wie vor sind wir auf das Mädchen angewiesen. Du kennst den Grund.«
»Er versteht gar nichts«, knurrt der Schatten in mir und fleht darum, hervortreten zu dürfen, um ihm die lose Zunge herauszureißen. Doch meine Wut nützt in diesem Moment niemandem. Am allerwenigstens mir selbst, daher begnüge ich mich damit, ihm ein gefährliches Lächeln zuzuwerfen.
»Ich stelle fest, du bist vernünftig, Finley. Wenn wir haben, was wir wollen, gehört sie dir.«
»Gut, dann eben so.« Ich falte die Hände. »Und wie geht es dann weiter?«
»Der Plan ist simpel«. Mein Gegenüber lehnt sich in seinem Stuhl zurück. »Du wirst ihr folgen. Werde zu dem Schatten, der du sowieso bist. Finde heraus, was sie weiß, was sie tut und mit wem. Früher oder später wird sie uns unbewusst die gewünschte Information geben.«
»Dann hoffen wir wohl besser früher, oder? Ich meine mich zu erinnern, was geschieht, wenn sie das achtzehnte Lebensjahr erreicht, und ich würde sie gern zuvor aus dem Weg haben.«
»Dem kann ich nur beipflichten. Dann solltest du dich besser anstrengen, nicht wahr? Und jetzt geh. Wir haben genug Zeit verloren.«
Ich, nicht wir, schießt es mir durch den Kopf. Warum sollte es auch anders sein? Als ich nicht sofort auf die Aufforderung reagiere, entlässt mich mein Gesprächspartner mit einer überheblich wirkenden Handbewegung. Genervt verdrehe ich die Augen, während ich ruckartig aufstehe. Meine Reaktion scheint ihm nicht entgangen zu sein.
»Gibt es noch etwas zu sagen?«, fragt er und mustert mich streng.
»Nein, alle offenen Fragen sind geklärt«, zische ich mit zusammengebissenen Zähnen und verlasse den Raum, bevor ich erneut etwas Dummes hervorbringen kann.