1. Kapitel

»Die Eine wird entkommen aus Tod und Verderben,

in Liebe erzogen, kann sie im Dunkel nicht sterben.

Ihr Schicksal auf ewig mit der Finsternis verknüpft,

ein Stern, der aus der Asche schlüpft.«

Magiesprung Chronik (Februar 1973)

3.März 2019

 

Erin

»O Mist!«, fluche ich leise und trete von einem Fuß auf den anderen. Ein weiteres Mal hat mein kleiner Zeh zielsicher den Rahmen der Zimmertür gefunden. Der pulsierende Schmerz kratzt an meiner Selbstbeherrschung. Krampfhaft unterdrücke ich einen Aufschrei und gehe dazu über, wilde Verrenkungen zu vollführen, um mich abzulenken.
»Sag mal, geht das ganze Gehopse ein Stück leiser? Ob du es glaubst oder nicht: Mitten in der Nacht plus Licht aus, bedeutet normalerweise Schlaf«, meckert meine Mitbewohnerin und knipst ihre Nachttischlampe an. »Was machst du da überhaupt?«
Geringschätzig mustert sie mich und ich behalte mir vor, nicht zu antworten, in der irrwitzigen Hoffnung, dass sie die Lampe wieder löscht und weiterschläft. Den Gefallen tut sie mir jedoch nicht.
»Übt das Nilpferd neuerdings für das Ballett? Diese Karriere solltest du definitiv streichen, das wirkt nicht sonderlich grazil. Das ist dir doch bewusst, oder?«
»Hm«, gebe ich von mir und schlucke eine entsprechende Bemerkung herunter, während ich wie ein geprügelter Hund zu meinem Bett humple.
Reg dich nicht auf, Erin, jetzt nimmst du dank der Lampe wenigstens nicht zusätzlich den Schreibtisch mit. Atme den Schmerz weg, geh ins Bett und lass das Miststück links liegen, beschwöre ich mich selbst und versuche krampfhaft, an diesem Mantra festzuhalten.
»Hallo? Erde an das Trampeltier? Ich rede mit dir!« Am liebsten würde ich mich der Quelle dieser Worte zuwenden und ihr gehörig die Meinung geigen, doch irgendwie schaffe ich es tatsächlich, über der ganzen Situation zu stehen und mich still auf mein Bett zu setzen.
Seit ich denken kann, teile ich mir das Zimmer mit Alex, und mindestens genauso lange hasse ich sie.
Die kleine blonde Elfe, die alles kann und die jeder gernhat, und ich … Eine schlaksige Brünette, die mit einem wundervollen Tollpatschigkeitsgen und ebenso grandiosen Ohnmachtsanfällen um die Ecke kommt. Eine perfekte Zimmerkombination.
Doch gibt es für mich überhaupt einen Grund, zu meckern? Ich habe ein Zimmer, ein Bett und Menschen, die einigermaßen gern mit mir zusammenleben, und dafür sollte ich dankbar sein.
Was für die meisten der Normalfall ist, ist für mich keine Selbstverständlichkeit, denn mein richtiges Zuhause und meine Eltern werde ich niemals kennenlernen. Sie starben bei einem Autounfall, als ich ein Jahr alt war. Holly, eine rundliche nette Frau im mittleren Alter, ist seither meine Ziehmutter. Sie adoptierte mich ein halbes Jahr nach dem Unfall und ersparte mir dadurch das Heim oder, die in meinen Augen schlimmere Variante, das Herumreichen durch eine Vielzahl an Pflegefamilien. Dank ihr durchlebte ich eine größtenteils normale Kindheit. Zumindest, wenn ich die Anfälle außen vor lasse. Als ich alt genug war, erzählte sie mir die ganze Geschichte mit meiner Adoption, und auch dafür bin ich ihr dankbar.
Seit mittlerweile fünf Jahren weiß ich darüber Bescheid und mein Leben ist seitdem ein anderes. Ich bin eine andere geworden. Unstetig und getrieben verbringe ich die Tage damit, mir über meine Vergangenheit Gedanken zu machen. Im Kopf stelle ich mir gerne meine Eltern vor und es macht mich traurig, nichts über sie zu wissen. Kein einziges Foto existiert von ihnen, keine Erinnerung. Im Grunde weiß ich gar nichts, außer, dass es sie gab und dass sie tot sind.
»Wenn ich volljährig bin, will ich meine Vergangenheit suchen. Ich möchte herausfinden, wer ich bin«, habe ich damals zu Holly gesagt und ihr damit ein trauriges Lächeln entlockt.

Ich seufze. In zwei Wochen erreiche ich besagtes Alter, und es ist fraglich, ob ich wirklich den Mut aufbringen werde, mich meiner Herkunft zu stellen, oder ob ich aus Angst vor dem Scheitern gar nicht erst mit der Suche beginne.
»Das ist mal wieder typisch für dich! Erst bis spät in die Nacht wegbleiben und mich dann bei deiner Rückkehr wecken! Das war doch volle Absicht! Denkst du überhaupt mal an deine Mitmenschen?«, keift es von der anderen Seite des Raumes. Die schrille Tonlage holt mich unsanft aus meinen Überlegungen zurück und ich stelle fest, dass mir im Moment nicht allein die Vergangenheit das Leben schwer macht, sondern vor allem meine Gegenwart, und zwar in der Gestalt von Hollys herzallerliebster leiblichen Tochter. Sie ist ein Jahr älter als ich und ein wahrer Sonnenschein.
»Beruhige dich, Alex. Ich habe mich nicht darum gerissen, mir den halben Zeh zu amputieren. Es tut mir leid, zufrieden?«
»Ist das dein Ernst? Einen Teufel werde ich tun! Du hättest mich schlafen lassen sollen, dann wäre ich zufrieden gewesen. Aber nein, du musst ja mal wieder grazil wie eine Dampfwalze die gesamte Aufmerksamkeit auf dich ziehen. Genügt dir deine ständige Anfallshow nicht? Soll ich dir so ein Schild mit blinkenden Neonlichtern besorgen? Das kannst du dir dann um den Hals hängen, damit dich auch wirklich jeder wahrnimmt!«
Ich beiße mir auf die Lippen, um eine Bemerkung zurückzuhalten, die unsere Debatte bloß zusätzlich anheizen würde. Möglichst unbeteiligt mustere ich meine Umgebung, während es tief in mir brodelt. Erin, du wirst dich jetzt nicht auf ihr kindisches Niveau herunterziehen lassen!, ermahne ich mich und begnüge mich stattdessen mit einem betont freundlich herausgepressten: »Wärst du so nett, das Licht wieder auszumachen, Alex?«
Ihr Gesichtsausdruck ist unbezahlbar.
Das Biest hat gehofft, dass du sie anfährst, damit sie zu ihrer Mutti rennen und petzen kann, stellt meine innere Stimme trocken fest, und ein wenig schockiert es mich, dass Alex nach all den Jahren weiterhin so leicht zu durchschauen ist. Man müsste meinen, dass auch sie dazugelernt hat …
Wenn Blicke töten könnten, müsste ich direkt umkippen und wäre auch in der Vergangenheit mindestens hundert Mal gestorben. Gegenwärtig erwarte ich fast, dass sie mich im nächsten Moment anbrüllt oder mir gar eine reinhaut. Erstaunlicherweise scheint sie sich jedoch gefangen zu haben. »Wozu? Ich bin wach.«
»Weil es, wie du eben so vortrefflich festgestellt hast, mitten in der Nacht ist?« Verdammt, ist es denn so schwer, diese blöde Funzel auszumachen, die Augen zu schließen und zu schlafen?
»Hast du mich gefragt, als du mich aufgeweckt hast? Nein! Das Licht bleibt an.« Mit einem Ruck wirft sie die Decke zur Seite und steht schwungvoll auf.
»Was wird das?«, frage ich irritiert, als sie damit beginnt, neben ihrem Bett merkwürdige Verrenkungen zu vollführen.
»Oh, bitte, Erin, sag nicht, dass du nie etwas von Yoga gehört hast?«
»Haha, sehr witzig!«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während Alex ihrer neu entdeckten Leidenschaft frönt. Voller Überzeugung geht sie dabei in eine Position, die mich stark an einen Hund erinnert, der schnellstmöglich nach draußen gelassen werden sollte. Ohne es zu wollen, entweicht mir ein Kichern.
»Statt zu lachen, solltest du das auch mal ausprobieren. Dann wird aus dem Trampeltier mit etwas Glück vielleicht eine Ente«, gibt sie mir voller Verachtung zu verstehen.
Der wenig effektvolle Versuch, mich zu reizen, prallt an mir ab wie ein Vogel, der gegen ein geschlossenes Fenster fliegt. Statt einer Antwort entlockt sie mir lediglich ein Schnaufen. O Mann, ich dachte wirklich, dass ihre Beleidigungen mit dem Alter besser werden würden.
Anscheinend habe ich mich getäuscht. Das Einzige, bei dem sie stets die vorderen Plätze belegt, ist Hochnäsigkeit, offenbar ist die angeboren.
Wenigstens sind die Schmerzen in meinem Zeh inzwischen Geschichte, denke ich und strecke mich aus. An der Decke bemerke ich ein riesiges Spinnennetz und fixiere es, als würde ich das spannende Spiel irgendeiner Fußballmannschaft verfolgen.

»Hat es dir etwa die Sprache verschlagen oder nimmst du dir meine Worte endlich zu Herzen? Mal komplett unter uns: Jeder Dickhäuter bewegt sich eleganter als du.«
»Ach, ehrlich?« Langsam treibt sie ihr Spiel zu weit. Ich nehme meinen Blick von der Decke und sehe ihr direkt ins Gesicht. »Soll ich dir mal was sagen? Ich bin tausendmal lieber ein Elefant mit Freunden als so gehässig, dass sogar Hyänen einen riesigen Bogen um mich machen …«
»Freunde? Dass ich nicht lache. Das sind Außenseiter, die keiner sonst kennen will. Du mit deinen ständigen, nach Aufmerksamkeit heischenden Zusammenbrüchen passt da perfekt rein. Ihr seid alles Freaks!« Boshaft starrt sie mich an, während ich mühsam meine Wut herunterschlucke. »Du bist sogar so freaky, dass nicht mal deine eigenen Eltern es mit dir ausgehalten haben! Sie sind lieber gestorben.«
Im Nu bin ich auf den Beinen und stürme auf sie los. »Das hättest du nicht sagen dürfen!«, schreie ich, doch bevor ich sie erreiche, wird mir schwarz vor Augen. Ich verliere das Gleichgewicht, spüre, wie ich falle, und dann ist die Welt um mich herum verschwunden.
Halleluja, willkommen Ohnmacht.

Finley

Ich beobachte die Szene von der Feuertreppe des gegenüberliegenden Hauses. Ihre Schübe werden stärker, stelle ich fest und laufe nervös auf und ab. Mir bleibt nicht viel Zeit. Grob überschlage ich die Daten in meinem Kopf. Maximal zwei Wochen, wird mir bewusst. Zwei Wochen, in denen ich schaffen muss, was mir das ganze letzte halbe Jahr nicht gelungen ist.
»Verdammter Mist!«, brülle ich und trete mit voller Wucht gegen die Treppe. Das Metall klirrt und an der Stelle, die mein Fuß berührt hat, ist es verbogen. Die Wut ist überall in mir. Sie bringt mein Blut in Wallung und will die Kontrolle ergreifen, mein Gehirn ausschalten. Ich umfasse das Geländer, muss mich abreagieren, um jeden Preis verhindern, dass ich meinem Drang nachgebe und ins Nachbarhaus gehe. Denn wenn ich es betrete, wird sie sterben. Ich muss– Ein fader Druck breitet sich in meinem Kopf aus. Er kündigt etwas an, auf das ich liebend gern verzichten würde.
Sinnloserweise versuche ich, einen Schutzschild um meinen vor Zorn geschwächten Geist zu legen. Zu spät und zu schwach. Jäh ist er da und ein dröhnendes Lachen füllt meinen Schädel.
»Das war alles? Erbärmlich. Wenn du versuchst, dich gegen mich zu wehren, gib dir gefälligst Mühe!«
»Verschwinde aus meinen Gedanken!«, fauche ich. Es ist sehr selten, dass er mich aufsucht, und der Zustand macht mich jedes Mal rasend.
Wieder ertönt ein Lachen. »Was ist los? Seit wann bist du so verklemmt? Versteckst du neuerdings Geheimnisse vor mir?«
»Nein, das würde ich nie wagen, und das weißt du!«
»Nein? Dann sollte es dir auch nichts ausmachen, dass ich hier bin. Hast du Neuigkeiten für mich, außer, dass du sie am liebsten umbringen willst?« Seine Worte lassen mich erstarren, denn sie bedeuten, dass er den Zeitpunkt seines Besuches ganz bewusst gewählt hat. Er überwacht meine Gefühle, stelle ich mit Schrecken fest.
»Du liegst ganz richtig. Wir möchten doch nicht, dass du etwas furchtbar Dummes tust, oder? Und jetzt raus mit der Sprache, gibt es neue Erkenntnisse?«
Statt einer Antwort entfleucht mir ein Knurren und mein Gedankenpartner lacht. »Das werte ich als ein Nein. Das ist enttäuschend. Du bist genauso nutzlos wie die anderen. Nenn mir einen Grund, warum ich dich nicht gleich töten sollte.«
Die körperlose Stimme hat einen drohenden Unterton, doch ich nähre mich von meiner Wut und knicke nicht ein, wie ich es sonst tue. »Wir beide wissen genau, warum du mich nicht umbringen wirst.«
»Touché.« Ich spüre das Lächeln in seinem Tonfall. »Du schlägst mich mit meinen eigenen Waffen.«
Überrascht stelle ich die Anerkennung fest. Auf alles Mögliche bin ich gefasst gewesen, nur nicht darauf.
»Behalte sie im Auge. Und Finley – keine Alleingänge, wir brauchen sie. Es dauert nicht mehr lange, vertrau mir, bis wir die Quelle in unserem Besitz haben. Mit ihrer Hilfe können wir alles verändern, verbessern. Die Geschichte umschreiben oder gänzlich korrigieren. Ist es das nicht wert, noch etwas zu warten? Danach darfst du deine Rache nehmen.« Die Worte verklingen in mir und ich spüre, wie er seinen Geist aus dem meinem zurückzieht. Als er vollständig weg ist, atme ich tief durch. Endlich bin ich allein mit meinen Gedanken auf der Feuertreppe.
Die Wut ist verraucht und ich kann mich wieder meiner Aufgabe widmen. Suchend schaue ich nach unten. Ein Krankenwagen biegt in die Straße und sofort weiß ich, wo die Reise hingehen wird.